Max Jäger, Painter – Sculptor, Pfäffikon CH | max@max-jaeger.com

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Ins Licht der Zeit gestellt – Max Jäger: DIE VIER URGEBOTE

MAX JAEGER


Ins Licht der Zeit gestellt
Max Jäger: DIE VIER URGEBOTE

Seit der Aufklärung befassten sich die Wissenschaften immer wieder mit der Suche nach dem „Geist in der Materie“. Bereits im Mittelalter wurde das religiös geprägte Weltbild durch die neuen Erkenntnisfortschritte in den Naturwissenschaften nach und nach aufgebrochen und die Begriffe „Natur“ und „natürliche Welt“ gelangten zu immer größer werdenden Bedeutung. Dennoch bleibt bis heute die Frage nach „dem Verhältnis von Natur und Geist“, angefangen von Aristoteles bis zu den neuesten Erkenntnissen der modernen Natur- und Geisteswissenschaften, ungeklärt.
Die übergeordnete Einheit aller Wissenschaften bezeichnet man als Kosmos. Dabei steht der Makrokosmos für die äußere Welt und Mikrokosmos für das Innere und Geistige. Eingebunden sind diese wiederum in die Zeitmuster der Natur, dem Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, Geburt und Tod.
Diese, ob als natürlich oder als göttlich „empfundenen“ Abläufe sind Teil eines geordnetes Systems dem sich der Mensch fügen muss, egal aus welcher Richtung er sich ihnen nähert, von der „Schöpfungsgeschichte“ oder den Naturwissenschaften.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Dekalog begann bei Max Jäger mit der Suche nach dem Ursprung. Es ging ihm hierbei nicht um die biblischen Überlieferungen, als vielmehr um das, was er beinhaltet, um das, was den Menschen als Individuum und uns als Gesellschaft definiert. Auf der Basis der alltäglichen Auseinandersetzung mit den natürlichen Lebenswirklichkeiten haben sich für ihn die Wurzeln des Dekalogs innerhalb der Evolutionsgeschichte der Menschheit heraus entwickelt, im Gehin als natürliche Verhaltensmuster manifestiert und werden als solche seit Generationen weitervererbt.

Entstanden ist eine fünfteilige Installation aus einem großen und vier kleineren Quadraten, die in Darstellung und Anordnung mit Hilfe von überlieferten Ursymbolen – wie etwa das Kreuz oder der Kreis - sowohl auf Vergangenes, Gegenwärtiges, als auch Zukünftiges verweisen. In ihnen spiegeln sich die Grundzüge des Menschen, sein Wesen und seine Spiritualität wieder.

Das Zentrum dieser Arbeit mit dem Titel „DIE VIER URGEBOTE“ bildet das Werk „Das ICH im ICH“ dargestellt als große liegende Scheibe. Sie ist geschlossen und gleichzeitig offen in alle Himmelsrichtungen. Sie symbolisiert die freie Wählbarkeit der Religionen und deren Transparenz nach außen.
Die drei kleineren Quadrate sind horizontal dazu angeordnet und lehnen an der Wand. In der Mitte befinden sich „Die Sinne“ , die vom Gehirn aus gesteuert werden. Hier liegt die Verantwortung für das positive wie auch das negative Tun des Menschen.
„Die Liebe“ verweist auf die Liebe, die wieder Leben schenkt und die Nächstenliebe und Toleranz gegenüber dem Anderen. „Die Natur“ soll den Betrachter an einen verantwortungsvollen Umgang mit der Erde, der Quelle allen Lebens, erinnern.
In dem ebenfalls liegenden Objekt „Wandlung“ verbinden sich alle Einzelarbeiten zu einem Gesamtkunstwerk. Hier beschreibt der Künstler die verschiedenen Metamorphosen, die ein Leben beinhalten kann. Der „Kokon“ symbolisiert dabei verschiedene Lebensstufen gleichzeitig. Den Beginn, das Verlassen der schützenden Hülle, die Mitte, das immerwährende Suchen nach Schutz und Geborgenheit und schließlich das Ende, das Schutzlos-Ausgeliefert-Sein, aber gleichzeitig auch die Rückkehr zum Ursprung. Die Notwendigkeit das Leben zu schützen und zu bewahren wird hier deutlich.

In dem Material Gips hat der Künstler Max Jäger das geeignete Medium gefunden, um ureigene Instinkte und Empfindungen, um den Charakter des Ursprünglichen in einem festen Objekt einzufangen. Dabei muss er nicht gegen die Natur arbeiten, indem er seinem Werkstoff einen bestimmten Ausdruck auferlegt, sondern er überträgt das Erlebnis unmittelbarer Realität einzelner Negativformen - aus einem Ackerboden heraus - auf seine Objekte. In Gips ausgegossen nimmt die Umsetzung von Form und Inhalt im „Positiven“ langsam Gestalt an
Der Prozess der Formgebung führt sich fort in der Anordnung der Einzelobjekte. Die entstandene Gesamtskulptur eröffnet dem Betrachter eine neue Erfahrung von Natur und Raum. Das harmonisch-lebhafte Licht- und Schattenspiel an den Oberflächen und Kanten unterstreicht den erzählenden Zauber haptischer Sinnlichkeit, aber gleichzeitig auch die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit.

Durch die ganz unmittelbar, während des Schöpfungsprozesses entstandenen Erd- und Abdruckspuren an den Kunstwerken, erreicht der Künstler Max Jäger auf faszinierende Weise die Vorstellungswelt des Betrachters. Die aus der Erde heraus neu erschaffene „Landschaft“ macht scheinbar prähistorisch Verborgenes sichtbar und eröffnet dem Betrachter neue Pfade durch die Vernetzungen des Lebens von Natur und Geist. In dieser Evolution verändern und erneuern sich seine Denkstrukturen. Die Skulptur verwandelt sich vom Schauobjekt zum LebensRaum und „nur durch das Zusammengehen von Philosophie und Naturwissenschaften werden hier die VIER URGEBOTE verinnerlicht.“ (Max Jäger)

©Text: Martina Ruppert M.A.

 

MAX JAEGER

Wir denken in Bildern. Als Wissenschafter suche ich nach Bildern, um meine Erkenntnisse zu vermitteln. Bilder sind stärker als Worte und Zahlen und wenn ich meinen Studenten Inhalte vermitteln will, sind Bilder, deren Aussage den intellektuellen Inhalt trifft, immer die stärksten Argumente. Ein Bild eines Künstlers berührt uns, lässt uns innehalten, weil wir darin etwas erkennen, das wir auch fühlen und etwas Verwandtes in uns anregt. Ein solches Bild kann nicht ohne Gedanken, ohne Reflektion geschaffen werden. Und was geschieht, wenn sich ein Künstler zu seinen Gedanken Gedanken macht? Er muss notwendigerweise darauf kommen, dass er über den Apparat, den ihn dazu anregt mehr wissen muss. Er muss sich mit dem Hirn auseinandersetzen. Max Jäger ist fasziniert vom Gehirn, von dieser Struktur an der sich die Evolution vom niedrigen Wirbeltier zum Menschen so gut nachverfolgen lässt und in der Intellekt und Instinkt zusammenprallen. Er liest Fachartikel über das Gehirn. Diese Erkenntnisse werden seine Bausteine, sein Mörtel, mit denen er Bilder erhirnen kann. Es sind nicht Abbilder, es sind seine neuen Erkenntnisse und wenn wir uns darauf einlassen, fangen wir an über unser Hirn und unsere Gedanken zu denken und lernen etwas über uns.

Bildet sich im Hirn ein erstes Neuron, ist die Lage des zweiten nicht mehr beliebig. Zeichnet man ein erstes Neuron, ist die Lage des zweiten auf der Leinwand auch nicht mehr beliebig. Im Hirn weil es zu einer funktionellen Einheiten kommen muss, im Bild weil es eine gestalterische Einheit, eine Aussage werden soll. Max Jäger interessieren die einzelnen Zellen, die kleinsten Vernetzungen, wie einzelne Neurone zusammenarbeiten, im Raum, in der Zeit. Diese mikroskopisch kleinen Bausteine bilden ein Ganzes, er will sie im grossen Zusammenhang sehen. Sie sind so klein und zart, so verletzlich, und dennoch sind sie für unsere Gedanken und Sinne verantwortlich. Entsprechend sind auch Max Jägers Striche. Es ist schwer eine Ordnung festzustellen, im Hirn und in Max Jägers Bildern. Wenn aber im Hirn keine Ordnung wäre, würde unser Hirn nicht funktionieren und wenn in den Bldern keine Ordnung vorhanden wäre, würden wir nicht innehalten, ein Bild anschauen, uns Gedanken machen, Assoziationen haben.

Je nach Material, Farben, Hintergrund erleben wir Max Jägers  Hirnbilder ganz unterschiedlich. Manchmal sind es nur grautöne, diese Bider erinnern mich an Schaltzentralen, und das Hirn ist eine Schaltzentrale, man sagt ja auch schalte dein Hirn ein, wenn man nicht nur emotional reagieren soll. Andere Hirnbilder sind farbig, diese Farben sind nie grell, keine Farbe und keine Linie nimmt überhand. Es sind verschiedene Wege, im Bild wie im Hirn; Sehen, Riechen, Fühlen, Gedanken verlaufen in unterschiedlichen Bahnen, nebeneinander und wir nehmen es nur selten wahr. Nur in Extremsituationen übernimmt eine dieser Bahnen eine dominierende Funktion, z.B. wenn wir starke Schmerzen haben, rücken die anderen Sinne in den Hintergrund. Und überall Lücken, grosse Anteile weiss, grau. In der Malerei sind Lücken und Zwischenräume altbekannte Mittel, um Formen ihren Ausdruck zu verleihen. In Max Jägers Bildern und Skulpturen als auch im Hirn sind Lücken zwingend. Im Hirn müssen die einzelnen Zellen isoliert werden, durch dicke, Myelinschichten, die verhindern, dass wenn eine Bahn einen Reiz weiterleitet, der elektrische Impuls nicht auf das ganze Gehirn überspringt. In Max Jägers Bildern braucht es Lücken, damit wir in das Bild eindringen können und uns klar wird, dass wir viele Zusammenhänge nur verstehen, wenn wir zwischen den einzelnen Ereignissen unterscheiden können, um die einzelnen Elemente als Teil des Ganzen zu erfassen.  Im Bild der Weg sind zwei Hirnhälften dargestellt, auseinandergerissen, schwer, man denkt an Eisen und dennoch sind es Flügel, die uns erlauben ins Land der Träume zu gelangen. Obschon auseinandergerissen bilden die beiden Hirnhälften eine Einheit, wir wissen ja, dass zwei Gehirnhälften zusammen gehören. Max Jäger lässt sie aber auch durch ihre Anordnung, durch die Neuronen die aus dem Gehirn herauswachsen, den ganzen Raum erkunden, und durch die Skulptur bei der der Hirnstamm genau anzeigt wohin sich beide Hirnhälften richten müssen als Einheit erscheinen. Durch diese Figur wird das Gehirn dreidimensional, wir schauen nicht nur auf zwei überdimensionale Hirnhälften an der Wand, wir müssen sie umwandern oder Abstand vom Bild nehmen.  Die schwere des Hintergrunds, die Leichte des weissen Hirns, die Entfernung von linker und rechter Hirnhälfte, das Zusammenwachsen am Mittelpunkt und das Erkunden des ganzen Raums durch die Neuronen: Ein Teil Gehirn in seiner ganzen Komplexität, das wir in dieser Installation erfahren, und wenn wir auf den Hirnstamm aus dem Gehirn herausbalancieren, betreten wir den Teil unseres Urintstinkts, der Reflexe, die wir nicht mehr willentlich steuern können und uns ängstigen. Wir nehmen den Pflug in die Hand, ein Werkzeug mit dem wir unsere Höhle bauen, aber im Affekt auch jemanden verletzen. Daneben liegt eine Planrolle und davor ein Pflasterstein. Planen und Ueberleben, Interaktion zwischen Intellekt und Urinstinkt. Pflastersteine wurden nicht nur fürs Bauen gebraucht. Unter dem Pflug bleibt das liegen, was uns zum Menschen macht, ein behauener Pflasterstein, herzförmig, Symbol für Reflexion und Kreativität.

Neurone sind in unserem Gehirn dreidimensional geordnet. Max Jäger hat Würfel genommen, Neurone mit ihren Axonen und Dendriten  gemalt, auf allen Seiten. Es ist ein dreidimensionales Stück Hirn, und trotzdem bleiben wir an der Oberfläche dieses Raums. Es ist, wie wenn wir in ein Haus eintreten möchten, und dieses Haus hat keine Tür. Wir können von Aussen gewisse Schlüsse über das Haus ziehen, sehen, ob es gross oder klein, alt oder neu ist; aber wir wissen nicht, ob und wie es möbliert ist und können nicht einmal mit Bestimmtheit sagen ob es in diesem Haus eine Küche und eine Toilette hat. Aehnlich geht es mit dem Hirnwürfeln. Wir sehen zwar im Gegnsatz zu den zweidimensionalen Bildern, dass die Nevenzellen im Raum angeordnet sind, wir entdecken einige neue Verknüpfungen, aber wir können nur ahnen, wie es im Inneren dieses Hirnteils aussieht. Die Namen der Würfel geben uns keine Antworten; warum heisst einer dieser Hirnwürfel Freude, ist es Zufall, oder läuft im dessen Inneren etwas ab, was ich von Aussen nicht erkennen kann? Und da sind wir wieder sehr nahe an der Hirnforschung.

Als Wissenschater  versuche ich aus meinen Experimenten neue Hypothesen zu formulieren und um diese Hypothesen zu beweisen plane ich neue Experimente. Max Jäger ist Maler und Wissenschafter. Nicht ein Wissenschafter der zur Pipette greift und im Labor biochemische und molekulare Experimente durchführt; aber seine Art, wie er seine Fragestellungen mit Bildern und Skulturen verarbeitet ist sehr wissenschaftlich. Ich bin überzeugt, er wird seine Resultate sehr genau analysieren, es sind wichtige Bilder, wichtige Resultate die Bestand haben werden, aber ich bin sicher, Max Jäger befasst sich schon mit dem nächsten Schritt, vielleicht wie sich Nervenzellen finden, was auf der subzellulärer Ebene geschieht, oder wie Gene reguliert werden, damit sich dieses wunderbare Gebilde, unser Hirn, bilden kann.

Enrico Martinoia
Prof. Molekulare Pflanzenphysiologie
Universität Zürich